Schwarzarbeit im Privathaushalt – Ist Anschwärzen sinnvoll?

JBM - Schwarzarbeit im Privathaushalt: Ein Ex-Offizier der British Army erlebte Erniedrigung durch einen Denunzianten und verlobt sich mit seiner Haushälterin, um einer Strafverfolgung zu entgehen – ein Schüler erlebt ein schweres Trauma und verliert als Teenager den Glauben an die Mitmenschlichkeit.

 

Ex-Offizier verlobt sich vor Verzweifelung mit seiner Haushälterin

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Sein Kontakt in die Außenwelt ist das Internet. Bei Facebook und Instagram ist James W. (Name v. d. Red. geändert) sehr aktiv – hat Recherchen von JBM.News zufolge viele Hundert Freunde.

James stieß bei Facebook auf das Sonderthema der JBM.News „Sommer-Spezial – Schwarzarbeit in Deutschland“ und schilderte in einer E-Mail an die Redaktion - mit der Bitte um Vertraulichkeit seiner Daten - sein „persönliches Drama“, wie er es nannte.

Mit seiner deutschen Ehefrau erlebte der heute 87-jährige Ex-Offizier der British Army in Bergen (Landkreis Celle) „die schönsten 45 Jahre meines Lebens“, bis diese vor drei Jahren ihrem Krebsleiden erlag.

Das Schlimme: Aufgrund seiner Kriegsverletzung ist James auf täglich fremde Unterstützung in seinem Haushalt angewiesen.

Die Pflegeversicherung in Deutschland sieht sich hingegen nicht in der Pflicht, für ihn finanziell aufzukommen.

Durch ein Inserat in der Tageszeitung fand er nach dem Tod seiner Frau eine junge Haushaltshilfe: Natali, eine aus Tschechien stammende – damals 23 Jahre – junge Frau. Sie waren sich beide von „Anfang an sympathisch“, wie James gegenüber JBM.News schreibt.

Natali (Name v. d. Red. geändert) engagierte sich fortan aufopfernd um James – zog sogar einige Zeit später bei ihm ein, um rund um die Uhr für ihn da zu sein.

Neben der Natali gewährten Unterkunft zahlte er ihr monatlich auch rund 1.500 Euro für ihre Dienste – immerhin rund zwei Drittel seiner Rentenbezüge. Von dem restlichen Geld lebte er genügsam und sorgte für die Verpflegung.

Das meiste Geld davon überwies Natali per „Western Union“ in ihre Heimat, um damit die eigene – arme – Familie finanziell zu unterstützen.

Schon wenige Monate später erhielt James jedoch unangenehme Post, wonach der Finanzbehörde in Celle ein Hinweis auf mögliche illegale Beschäftigung in seinem Haushalt vorlag. Kurzerhand rief er beim Finanzamt Celle an und erfuhr auf Nachfrage, dass ein Nachbar ihn wohl angeschwärzt hatte.

James beschreibt den Sachbearbeiter als sehr menschlich: „Er wies nicht nur auf die Sozialversicherungs- und Besteuerungspflicht von eventuell monatlichen Geldzahlungen und Unterbringung hin, sondern auch, dass ich mir schnellstens etwas einfallen lassen sollte“, so James gegenüber JBM.News.

Einerseits empört über die Anschwärzerei, andererseits hilflos: „Was passiert ohne meine Natali, muss ich ins Altenheim?“ Diese und viele andere unangenehme Fragen quälten ihn massiv.

Er beratschlagte sich mit Natali – auch sie war entsetzt, weinte, wie James die Situation beschreibt. War doch auch sie auf das Geld angewiesen. Verzweiflung machte sich breit.

Sozialversicherungsbeiträge und Steuern für Natali konnte er unter keinen Umständen zahlen – eine Nachzahlung hätte ihn in den Ruin getrieben.

Auch Natali legte keinen Wert auf eine Versicherung in Deutschland, da sie bereits in Tschechen eine Krankenversicherung besaß und sich von der Rente in Deutschland ohnehin nichts versprach – kein Vertrauen darin hatte.

„Ich habe Deutschland nach dem Krieg mit aufgebaut und Tausenden Menschen geholfen – war bei der Befreiung der Gefangenen in Bergen-Belsen aktiv tätig“, so James. „Ich habe viel Leid und Elend erlebt. Nie hätte ich gedacht, eines Tages als Dank dafür angeschwärzt zu werden.“

Tage später rief James bei dem Sachbearbeiter im Finanzamt erneut an und teilte ihm sein menschliches Schicksal mit, bat um dessen Hilfe.

Und die kam für James prompt: „Verloben Sie sich doch offiziell, oder heiraten Sie Ihre Haushaltshilfe“, empfahl der Sachbearbeiter fast schon ernsthaft.

Das Problem: Natali´s wahre Liebe, der damals 28-jähriger Tscheche, lebt in Brünn - rund 200 km südöstlich von Prag (Tschechien) entfernt.

Lange Telefonate mit ihrem Geliebten - das Schicksal nahm seinen Lauf: James und Natali haben sich vor zwei Jahren verlobt.

Ein ´Happy End´ oder ein tragisches Ergebnis von Anschwärzerei in der deutschen Gesellschaft? Ein Einzelfall? Anscheinend nicht, wie auch nachfolgender Fall zeigt:

 

Teenager verliert Glauben an die Mitmenschlichkeit

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„Mama, es war doch nur Taschengeld – wie bezahle ich jetzt meinen Führerschein?“, brüllte der damals 17-jährige Bernd (Name v. d. Red. geändert) völlig verzweifelt seine Mutter an. „Er knallte die Türen und heulte wie ein Schlosshund“, so seine Mutter Renate W. gegenüber JBM.News.

Auch sie hat von JBM.News über Facebook erfahren und sich an die Redaktion zum Thema „Sommer-Spezial – Schwarzarbeit in Deutschland“ gewandt.

Das Telefonat mit der Mutter klang mehr als verzweifelt: „Tagelang schimpfte er heulend auf seinen Anschwärzer, nannte ihn Stasi-Schwein, Nazi-Scherge und so weiter. Es war die Hölle“, beschreibt Renate die Situation.

Auch Renate (Name v. d. Red. geändert) glaubte damals, dass die Zeit der DDR endgültig vorbei wäre: Schnüffeln und Denunzieren war ja damals an der Tagesordnung. Für viele Bürger noch heute eine grauenvolle Erinnerung.

Bernd – wie Renate beschreibt – erlebte mit seinen damals 17 Jahren „sein traumatisches Erlebnis, mit einem enormen Verlust von Vertrauen in Mitmenschen.“

Aber was war geschehen? Warum war Bernd so ausgetickt?

Wie jeden Freitag und Samstag verdiente sich Bernd bei älteren Nachbarn im Ort hier und da ein kleines Taschengeld hinzu: zwanzig Euro hier - zehn Euro dort. Denn von seiner Mutter konnte er keine finanzielle Unterstützung erwarten: Sie lebte von Hartz-IV.

Eisern sparte Bernd für seinen Führerschein, hatte schon rund 1.000 Euro zusammen.

Und dann das: An einem Freitag Mittag - Bernd erinnert sich genau - standen plötzlich zwei Frauen von der Ordnungsbehörde der Stadt Leipzig vor dem Gartenzaun. Bernd war gerade am Rasenmähen.

„Sind Sie hier gegen Geld tätig?“, erinnert sich Bernd an die erste Frage. Naiv, wie er damals war, gab er zu, für das Mähen 20 Euro zu bekommen – „für meinen Führerschein“, erwiderte er stolz.

Was er nicht hätte sagen dürfen, wie sich Bernd gegenüber JBM.News äußerte, wie lange er dies schon machte. Denn plötzlich gaben sie mir den „guten Rat, das hier sofort zu beenden, da ansonsten die Steuerfahndung hiervon Kenntnis erhalten würde – mit strafrechtlichen Konsequenzen.“

Völlig geschockt bin ich nach Hause gelaufen, ließ den Rasenmäher stehen. Ich konnte das alles nicht glauben: Steuerfahndung, meine Mutter, ich vielleicht ins Gefängnis?“, erinnert sich Bernd.

Dabei wollte Bernd nur nach der Schule sich ein paar Euro bei älteren Nachbarn verdienen, „weil die ihren Garten nicht mehr allein im Schuss halten konnten“, so Bernd.

Wie aber war die Ordnungsbehörde in Leipzig überhaupt „auf den Trichter“ gekommen - wie der Volksmund sagt - gezielt nach Bernd Ausschau zu halten?

Das erfuhr die Mutter erst nach intensivem und wiederholtem Drängeln: Ein missgünstiger Nachbar fühlte sich in der bürgerlichen Verpflichtung, den Umstand einer Schwarzarbeit gegenüber der Ordnungsbehörde anzuzeigen.

Das schien dem Nachbarn offenbar gut gelungen.

Bernd ist heute als freier Journalist tätig und arbeitet die Vergangenheit der ehemaligen DDR auf. Er will verstehen, warum Menschen in der Lage sind, andere Mitmenschen zu denunzieren.

Was animiert Mitmenschen dazu, andere Mitmenschen bei Behörden anzuschwärzen? Wie geht es ihnen dabei? Ist es deren Vorstellung von Gerechtigkeit?

Ist eine Nebentätigkeit von Privat zu privat anders zu beurteilen, als eine gewerbliche Schwarzarbeit?

 

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