Nordsee-Insel Borkum – Kassenmanipulationen im Minuten-Takt


JBM - Ein Ex-Steuerfahnder beobachtete auf Borkum einen Imbissbetreiber und zählte dabei in einer Stunde 28 Manipulationen an der Registrierkasse und neun fehlende Einbuchungen.

 

Eine Reportage von Jeroen Breforth


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 Borkum ist schön.

Borkum ist eine Traum-Insel - zumindest für all´ jene die, deren Herz an nordischer Frische, weitem Meer und freundlichen Inselbewohnern hängt. Immer wieder zieht es mich auf diesen schönen „Sandhaufen“. „Sandhaufen“ sagte mir kürzlich ein auf der Insel lebender guter Freund Burkhard. Eigentlich war er ja nur sauer, weil seine Frau Gemahlin sich zwei schöne Wochen auf der AIDA im Mittelmeer gegönnt hatte, während er die Ferien-Appartements der Gäste reinigen musste.

Auch mich hatte es sehr kurzfristig auf die Insel verschlagen, da berufliche Dinge zu klären waren. Zwar war ich auf der Insel - eine Unterkunft aber hatte ich noch nicht. Nur zwei Tage hatte ich eingeplant - mit Unterkünften in der Ferienzeit ist es aber immer ein heilloses Unterfangen. Glück hatte ich bisher keines, denn die sonst so alle mir bevorzugten Appartements waren bereits alle belegt.

Borkum - Elektrischer Leuchtturm / Bild: JBM|News

Borkum - Elektrischer Leuchtturm / Bild: JBM|News

Eine Insel ist noch schöner, wenn man sich dort heimisch fühlen kann. Zum heimisch fühlen gehört es für mich auch, wenn einem an einem solchen Ort untereinander geholfen wird. Und wer das Herz eines echten Borkumer erweicht hat, kann sich dessen unermüdliche Hilfsbereitschaft nicht entziehen.

Einer von ihnen ist mein Freund Burkhard (Name v. d. Redaktion geändert). Mit diesem besagten Freund hatte ich mich vor einem Schnell-Imbiss zu einer kleinen Mittags-Mahlzeit verabredet. Auch verband ich damit die Hoffnung, eine Aussicht auf Unterkunft zu bekommen, da ich ansonsten am gleichen Tage wieder abreisen müsste.

Alternativ bliebe mir dann nur das teuerste Hotel am Ort  - für schlappe 175 Euro die Nacht.

Blick vom Strand auf den Musik-Pavillon / Bild: JBM|News

Blick vom Strand auf den Musik-Pavillon / Bild: JBM|News

Schon von der Ferne sah ich, wie Burkhard mit seinem Smart-Phone wild hin- und her hantierte, stetig dabei an seiner Zigarette zog. Er schien sichtlich im Stress, aber das kannte ich bei ihm schon. Eigentlich ist er immer im Stress.

Mit einem leichten Hungergefühl im Bauch traf ich ein. Seine Mine sagte bereits alles: Zeit für lange Essen hat er nicht. Er hatte es sich auf dem Stehtisch vor dem Imbiss bereits gemütlich gemacht. Smartphone, Schlüssel und Zigaretten mit Feuerzeug lagen breit verstreut auf dem Tisch, als wolle er damit signalisieren: „Der Tisch ist besetzt.“

„Moin“, begrüßte er mich mit rauer Stimme. Und an dieser Stimme und diesem Blick merkte ich bereits, wie genervt er war. „Alles Mist, bin hier alleine und muss gleich wieder rüber“, raunzte er ungemütlich. „Moin, moin, alles gut“, entgegnete ich ihm mit einem Lächeln im Gesicht.

Burkhard musste schon länger hier gewesen sein, denn er nippte an einem großen Glas Cola, das schon fast leer war - drei Zigaretten lagen im Ascher. Wenn der also Stress hat, na, denn, dachte ich mir.

„Habe vorhin etliche Anrufe und SMS gemacht, WhatsApp rausgejagt und bei Facebook gepostet“, und er zeigte auf das Smartphone, „wir müssen jetzt warten.“ „Danke dir“, und begab mich in den Schnell-Imbiss. Der Tresen war gerade ohne Kundschaft, so dass ich die Gunst nutzte, um schnell das Essen zu besorgen.

„Bring mir bitte ein Schnitzel mit Rührei mit“, rief er mir nach, „und noch eine Cola“. „Jau, kommt“, rief ich zurück.

Neue Strandpromenade / Bild: JBM|News

Neue Strandpromenade / Bild: JBM|News

Am Tresen bestellt ich das Essen für Burkhard und für mich, beim Verkäufer hinter dem Tresen. „Kommt gleich“, sagte er kurz. „Vierundzwanzig Euro bekomme ich dann bitte“, und tippte auf seiner Kasse genüsslich hin und her. Die Kassen-Schublade öffnete sich.

Ich zahlte die Rechnung in Bar, nahm mir Besteck und Servietten aus dem Kasten neben der Kasse und ging wieder nach draußen.

Während ich mit Burkhard im Gespräch vertieft war - er mir die neuesten Storys von der Insel erzählte - kam der Kellner raus und stellte unser Essen auf den Stehtisch. „So, die Herren, Moin Burkhard, alles gut?“, gluckste er freundlich und grinste ihn an. „Alles gut“ antwortete Burkhard kurz zurück. „Lasst es euch schmecken“. Der Kellner schwang sich wieder in den Imbiss zurück.

„Alles gut“ scheint auf der Insel ein Standard-Satz zu sein, wo ich ihn an fast jeder Ecke höre.

Wir aßen unsere Teller leer. Burkhard wirkte immer hektischer. „Du, ich muss jetzt los, muss noch zum Kunden. Sehen wir uns heute Abend?“. „Kein Problem, ja“, entgegnete ich ihm. „Wegen dem Zimmer melde ich mich.“

Plötzlich klingelt das Smartphone von Burkhard. Hastig griff er nach dem Handy - er hatte es bereits in die Hemd-Tasche gesteckt. Während er telefonierte, trank ich meinen letzten Schluck Cola, legte das Besteck auf den Teller und schob ihn beiseite.

Es muss offensichtlich um einen Anruf wegen der Zimmer-Anfrage handeln. Wolfgang beendete das Telefonat. „Das mit dem Zimmer geht klar“, sagte er trocken. Sein genervtes Gesicht entspannte sich wieder - das leichte Grinsen eines Siegers kam dabei durch. „So, alles weitere heute ab zwanzig Uhr, bis denne“, und Burkhard eilte schnellen Schrittes davon.

Aber so kannte ich ihn. Immer in Hektik, getrieben von dem Gedanken: „Ohne mich geht hier auf der Insel nichts“. Dabei hat er stets eine herzliche Art - so nordisch kühl, aber dennoch verbindlich.

Eigentlich ist er auch nur Zugezogener - also vor Jahren vom Festland rübergezogen. Inzwischen wird er von den Borkumern aber als Einheimischer gesehen. Seine Hilfsbereitschaft und der unermessliche Einsatz für die Bewohner auf der Insel haben ihn schnell zu einem beliebten Neu-Borkumer werden lassen.


Umsätze nicht gebongt.

Jetzt eigentlich fängt die Sache erst richtig an, spannend zu werden. „Ach, ich brauch´ ja noch eine Quittung“, dachte ich mir. Ich drehte mich um und ging an den Tresen.

„Ich bräuchte da noch eine Quittung für eben“. Dabei blickte ich dem Kellner in die Augen. „“Hm, was war das denn nochmal“, fragte er. Klar, inzwischen sind mindestens gut 50 weitere Gäste bedient worden. „Am Tisch elf da draußen haben wir gesessen“, half ich ihm weiter.

Blick auf die Seehund-Sandbank / Bild: JBM|News

Blick auf die Seehund-Sandbank / Bild: JBM|News

„Dann muss ich das hier noch mal alles eingeben. Sach´ mal an?“. „Zwei Cola, einmal Schnitzel mit Rührei und einmal mit Pommes.“ Irgendwie verwunderlich. Jetzt tippt er die Gerichte nochmal komplett ein, obwohl er das doch augenscheinlich vorhin gemacht hatte, bevor ich gezahlt habe.

Sofort war mir klar: Hier kann was nicht stimmen. Welcher Gastronom bongt zweimal die gleiche Bestellung in seine Kasse ein? Er würde doch seinen Umsatz logischerweise unnötig erhöhen.

„Gauner“, dachte ich mir, nahm den Kassenbon - der soeben aus der Kasse gesurrt kam - entgegen, und verabschiedete mich.

„Na“, dachte ich mir, „der Sache wollen wir mal näher auf den Grund gehen“. Gesagt, getan.


Besuch beim Ex-Steuerfahnder.

Borkum ist für mich nicht nur eine Insel mit einer traumhaften Idylle, sonder auch ein Ort, an dem ich so einige kenne. Unter anderem den ehemaligen Steuerfahnder Olaf - aus Gründen der Anonymität nenne ich ihn hier so.

Denn schließlich möchte er unerkannt bleiben. Niemand, außer seine Frau, weiß auf der Insel, was er früher so beruflich wirklich gemacht hat. Immer, wenn er nach seinem ehemaligen Beruf gefragt wird, berichtet er von einer Tätigkeit fern ab jeder Verbindung zu einem Finanzamt.

Klar, sein damaliger Beruf bürgt nicht gerade für Vertrauen. Insbesondere nicht auf so einer kleinen Insel, wie Borkum. Und Vertrauen, dass wollte er mit seinen 67 Jahren nicht verlieren. Schließlich kennen ihn inzwischen auch viele Borkumer.

Ursprünglich kommt er aus einer Großstadt und zog nach seiner Pensionierung mit seiner Frau auf die Insel - aber ohne sein Girokonto. Seine Pensionsbezüge werden nämlich immer noch auf das Konto seiner ehemaligen Heimatstadt überwiesen. Von dort überweist er sich dann jeden Monat sein Geld auf die Insel. Schließlich soll auch kein Mitarbeiter bei der Bank sehen, dass er Geld von einer öffentlichen Einrichtung erhält. Das würde sein Notlügen-Konstrukt ja gefährden.

Wie es der Zufall wollte, war ich ohnehin mit ihm verabredet. Wir treffen uns regelmäßig, wenn ich auf der Insel bin. Kennengelernt hatten wir uns vor vielen Jahren auf einer Fortbildung von Steuerfahndern in Düsseldorf. Schließlich hat er auch nicht mehr viele Bekannte oder Verwandte, die ihn auf der Insel besuchen. Umso mehr freut er sich auch auf meine Besuche, wenn sie auch manchmal nur von kurzer Dauer sind.

So ging ich zu seinem Haus - der Spaziergang nach dem Essen tat gut. Olaf hatte ich meinen Besuch bereits vor meiner Anreise nach Borkum angekündigt.

Blick vom Strand zur Skyline / Bild: JBM|News

Blick vom Strand zur Skyline / Bild: JBM|News

Freudig begrüßte Olaf mich an der Tür. „Moin, komm´ rein. Alles gut?“ „Moin, Moin", grüßte ich lächelnd zurück. "Ja, alles gut“. Auf der Terrasse begrüßte mich seine Frau ebenfalls herzlich. Es war schön, sie wieder zu sehen.

Nachdem Olaf und ich uns einige Zeit privat ausgetauscht hatten, erzählte ich ihm kurzerhand von dem Ereignis, was ich vorhin mit Burkhard hatte, den Olaf auch kennt.

„Ja, das ist bekannt auf der Insel. Der macht Kohle mit seinem Laden, ohne Ende“, erzählte Olaf mir. „Was der so am Fiskus vorbei macht, möcht´ ich nicht wissen.“

Dabei erzählt er mir auch, wie sie vor ein paar Wochen eine Kneipe auf Borkum von Steuerfahndern haben durchsuchen lassen. „Dreimal waren sie in den letzten 20 Jahren zu Besuch bei dem. Der wird und wird nicht schlauer,“ wusste er zu berichten. Mit Besuch meinte er natürlich den, durch die Steuerfahndung. Aber es ginge ihn schließlich nichts mehr an, meinte er.

Kurzerhand beschlossen wir für den Abend, seine alte Spürnase mal wieder in den Wind zu hängen. Steuerfahnder, so sagte er mir einst, war er mit Herz und Seele gewesen.

Dabei funkelte es in seinen Augen. Ich wusste: ich habe seinen inneren Jagdtrieb geweckt. Ob er für eine Reportage mich mit auf die Jagd nehmen würde, begrüßte er sichtlich „Na, klar, machen wir. Aber nichts öffentlich - also keine Namen, keine genauen Ortsangaben.“

Nachdem ich ihm das auch hoch und heilig versprochen hatte, verabredeten wir uns gegen 18:00 Uhr an dem Schnell-Imbiss zum Abendessen. Zwar hatte ich für den Tag schon genug gegessen, aber so eine Gelegenheit lässt man sich nicht entgehen.


Verdeckte Ermittlungen am Abend.

Wir postierten uns so, dass wir zwar einen guten Blick zum Tresen und der Kasse hatten, der Gastronom uns aber nicht sehen konnte - zumindest wir ihm bei den vielen Gästen nicht auffallen dürften.

Kurze Zeit später kam Olaf mit zwei belegten Brötchen und zwei Tassen Kaffee wieder hinaus, stellte sie auf den runden Tisch und setzte sich neben mich. "So, das hätten wir auch erledigt." "Was denn?", entgegnete ich ihm neugierig. Er grinste. "Nicht mitbekommen, was? Na, konntest Du ja auch nicht. Und wenn, dann hätte ich es schlecht gemacht." "Na, was denn?" Er genoss mein Nachbohren sichtlich - Fishing for Compliments.

Die "Heimliche Liebe" von Borkum / Bild: JBM|News

Die "Heimliche Liebe" von Borkum / Bild: JBM|News

Schließlich sprach er ganz leise - fast, ohne dabei die Lippen zu bewegen: "Ich habe ein Mini-Mikrofon unter die Tresen-Platte hinter die Kasse geheftet", sein Blick wanderte dabei langsam auf das Smartphone neben seiner Tasse Kaffee, "damit zeichne ich jetzt auf."

Ein kleiner Trick der Steuerfahnder. Durch das Mikrofon werden Bestellungen der Gäste aufgezeichnet - dazu aber auch Kassentöne. Fast alle Registrierkassen machen bei jedem Tastendruck typische Klick-Geräusche, so wie auch beim Telefon. Zwar klingen diese Töne oft gleich, aber an der Häufigkeit der Tastentöne kann herausgefiltert werden, wie viel und ob auch alle notwendigen Tasten gedrückt werden.

Dazu muss man aber auch das Kassensystem und damit auch die genauen Registrier-Vorgänge kennen. Und, der Kassen-Hersteller sowie das Modell lassen sich meist auf der Rückseite, für Kunden - und auch Steuerfahnder - sichtbar ablesen. Erfahrene Steuerfahnder kennen alle gängigen Modelle von Kassensystemen in der Gastronomie. Sie lassen sich stets auf alle Tricks und Manipulationsmöglichkeiten schulen.

West-Ufer / Bild: JBM|News

West-Ufer / Bild: JBM|News

Verlangt eine Kasse beispielsweise das Drücken der Warengruppe "Tagesgericht", erwartet die Kasse - nachdem ein Kellnerschlüssel eingesteckt wurde - noch die Eingabe der Tischnummer und Menge der bestellten Essen oder Getränke, dem mindestens dann noch eine Bestätigungstaste folgen muss.

So sind bei Kassier-Vorgängen mindestens zwei oder mehr Tasten zu drücken, um eine "ehrliche" Abrechnung vorzunehmen. Abweichungen in der Klickmenge lassen daher auf Unregelmäßigkeiten schließen.

Dies lässt sich immer auch dann annehmen, wenn für gleichartige Bestellungen eine wiederholt unterschiedliche Quittierung der Kasse zu hören ist. Bestellen innerhalb eines Zeitraumes mehrere Gäste ein und dasselbe Gericht - mit oder ohne Getränke - und sind hierfür die Tastaturtöne in ihrer Anzahl auffällig verschieden, gehen Steuerfahnder bereits von möglicher Kassen-Manipulation - also Steuerhinterziehung - aus.

Nicht selten sitzt bei realistischen Nachforschungen noch mindestens ein Steuerfahnder unmittelbar in Blickrichtung der Kasse. So kann er auch Bewegungen beobachten - neuerdings sogar auch Filmen mit versteckter Kamera.

"Jawoll, gut gemacht. Ne, hab' ich nicht mitbekommen."  So saßen wir einige Minuten da, aßen unser Brötchen und warteten.

Genüsslich hob Olaf seine Tasse Kaffee mit der rechten Hand und tippte mir mit der linken auf mein rechtes Knie. "Schau´ mal ganz unauffällig zum Tresen", flüsterte der Ex-Fahnder plötzlich. Mein Blick wanderte ganz langsam links hoch. Unauffällig verfolgte ich das Hantieren am Verkaufstresen genau.

Seezeichen „Kleines Kaap" / Bild: JBM|News

Seezeichen „Kleines Kaap" / Bild: JBM|News

Am Tresen standen vier Gäste. Ein älterer Herr bestellte zwei Gerichte und zwei Getränke. Die Stimmen waren draußen gut zu verstehen, da alles sehr nah war. Der Kellner hinter dem Tresen mit seiner rauen Stimme: "Achzehnfünzig." Der Gast kramte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und legte einen 20-Euro-Schein auf den Tresen. "Stimmt so",  klang es leise nach draußen an unseren Tisch.

Der Kellner drückte auf eine Taste an der Kasse, es piepste nur kurz, die Geldschublade öffnete sich klangvoll. Er legte offensichtlich den 20-er hinein und schob die Geldlade wieder zurück. "Zweimal Matjes mit Salzkartoffel und ein Schnitzel mit Rührei", rief er laut in den Raum. Dabei stand der Koch doch unmittelbar neben ihn. Aber es klang so lebendig, wie in Italien auf dem Großmarkt - es gehörte wohl zum Ambiente dieses Imbiss-Betriebes. Schau-Verkaufen nennt man das auch.

Was war passiert? Der Kellner hatte den Umsatz gar nicht einzeln, wozu er eigentlich verpflichtet war, aufgezeichnet - nur die Taste für die Öffnung der Kassenschublade gedrückt. Offensichtlich geschummelt.

Nur kurze Zeit später beobachteten wir erneut eine Bestellung. Vier gleich belegte Brötchen sollten 14 Euro kosten. Der Kellner tippte sechs Mal auf die Kasse. Da Burkhard das Kassensystem kannte, hätten es aber nur drei Bewegungen geben müssen: Einmal die Warengruppe, einmal die Menge und einmal bestätigen. Macht zusammen gleich drei.

Auch hier logische Erklärung: Der Kellner tippte „3,5 x 4“ und „Bestätigung“ - er wollte also nur zusammenrechnen und öffnete dann mit dem letzten - also sechsten - Tippen die Kassenschublade. Für den Kunden sah das so aus, als habe er ordnungsgemäß gebongt.

Hauptstrand / Bild: JBM|News

Hauptstrand / Bild: JBM|News

Seine Beobachtungen konnte Burkhard später sogar unterstreichen, da er genau die Handbewegungen des Kellners registriert hatte. Da er den Ziffernblock dieser Kasse geistig vor sich hatte, er das Modell kannte und bei seiner Bestellung - wobei er auch das Mikrofon unter die Tresenplatte befestigte - sich seitlich neben die Kasse gestellt hatte, wusste er genau, wo der Kellner seine Hand haben müsste, um richtig zu bongen.

Die Kasse hatte einerseits einen Ziffernblock und andererseits ein Menüfeld, in dem fertige Warengruppen angelegt waren. Beide Felder sind soweit voneinander entfernt, dass man an der Position der Arme und Finger genau sehen kann, ob er die Zahlen- oder Menütasten drücken würde.

Weiteres Indiz: Wenn eine Menütaste - bei der also bereits fertig hinterlegte Essen programmiert  sind - gedrückt wurde, klang der Ton anders, als bei der Benutzung des  Ziffernblocks.

So ging das eine Stunde lang hin und her. Während Burkhard mit mir plauschte hob er immer wieder die Augenbrauen und verfolgte das Hantieren des Kassierers genau. Nebenbei schrieb er auf einem kleinen Block immer wieder Kürzel auf, die ihm für spätere Vergleiche mit den Aufzeichnungen auf dem Smartphone dienlich sein würden.

Die notierten Beobachtungen konnten wir später bei ihm zu Hause mittels der Aufzeichnungen auf dem Smartphone vergleichen. Das Mikrofon an der Kasse hatte ganze Arbeit geleistet - er hatte es auf dem Weg zur Toilette wieder entfernt und eingesteckt.

Einerseits waren die Bestellungen gut verständlich aufgezeichnet gewesen, andererseits  auch die Kassentöne mit verfolgt werden.

So beobachteten wir in nur einer Stunde 44 Bestellungen, wovon 28 offensichtlich zu einer  Kassen-Manipulation geführt haben - neun weitere, bei denen überhaupt keine Kassen-Benutzung erfolgte. In den meisten Fällen wurde die Kasse nur als Taschenrechner benutzt.

In zwei Fällen erging es Gästen sogar wie mir. Sie forderten einen Bewirtungskostenbeleg nachträglich an. Auch hier, wie ich selber erlebt habe, musste der Kellner die Gerichte nachbongen. Offensichtlicher kann man wohl eine Kassenführung nicht manipulieren.

Ob es sich bei dieser Maßnahme um mögliche rechtswidrige Ausforschungsmaßnahmen handelt, war für den Ex-Fahnder nebensächlich. "Sie bescheißen mit ihren Mitteln - wir mit unseren“, so Olaf weiter. "Diese Informationen sind auch nur dazu da, um einen möglichen Anfangsverdacht zu erhärten."

Klar. Es ist Urlaub. Die Gäste schalten auf Entspannung -  sind unkritischer mit ihrer Umwelt. Sie blenden Unregelmäßigkeiten schlichtweg gerne aus. Der Gastronom nutzt den großen Andrang der Gäste, insbesondere in der Mittags- und Abendzeit - der Rush-Hour - aus, im Wirrwarr von Bestellungen, Rumgeschreie nach Essensbestellungen an den Koch. So ist es möglich, diese Situationen für sich zu nutzen.

Einem - vermutlich ortsansässiger Einwohner - bot der Kellner freundschaftlich an: "Du, komm, gib mir dreißig Okken, der Rest geht auf Haus.“ Lachen aus dem Lautsprecher des Smartphones, aber nur einen Quittungston. Also nur Kasse auf, Geld rein - Schublade zu.


Abschied von Borkum.

Nicht jeden Tag hat man solch beeindruckende Erlebnisse zu verzeichnen. Während zahlreiche Urlauber die Insel und deren Schönheit genossen, haben wir live mit ansehen müssen, wie unter anderem die Stadt Borkum um Gewerbesteuer-Einnahmen offensichtlich geprellt worden ist.

Steuereinnahmen, die der knappen Haushaltslage sicher gut tun würden.

Nach unserem Erlebnis trafen wir uns noch mit Burkhard in unserer Stammkneipe und schlürften gemeinsam unsere Drinks.

Das Schöne an dieser Kneipe ist, dass man dort überhaupt keine Kassentöne zu hören bekommt - es gibt nämlich gar keine Kasse.

 

Emden Außenhafen / Bild: JBM|News

Emden Außenhafen / Bild: JBM|News


 Hintergrund/FAQ

Welche Formen der Kassen-Manipulationen gibt es?

Zunächst das Dümmste überhaupt: Umsätze nicht bongen - es erscheint den Verkäufern als einfach und bedarf keines weiteren Nachdenkens. Die Entdeckungswahrscheinlichkeit von Außenstehenden, also Kunden oder verdeckten Ermittlern, ist hierbei aber relativ hoch.

Zweit-Dümmste Handlungen sind nachträgliches Stornieren von Umsätzen als vermeintliche Fehlbuchung. Fehlbuchungen können im Laufe des Alltagsgeschehens immer wieder vorkommen, sollten jedoch die Ausnahme sein. In Supermärkten oder größeren Kaufhäusern wird zum Stornieren von Beträgen stets der Vorgesetzte oder Kollege herbeigerufen, der dann mit einem Schlüssel die Kasse so einstellt, Beträge stornieren zu können.

Seit vielen Jahren in Mode gekommen - und im Visier der Steuerfahnder - sind hingegen Kassensysteme, bei denen der Hersteller der Kasse dem Nutzer gleich eine Kassensoftware mitliefert, die eine Manipulation von Umsätzen nachträglich möglich macht.

Hier gibt es verschiedene Funktionen der Software. Bedeutendste hierunter ist die Variante, was als die Bequemste gilt, das die Software einen bestimmten Prozentsatz weniger als Umsatz bucht. Kauft ein Kunde beispielsweise für 100 Euro Ware, so bongt der Verkäufer - oft auch ein ahnungsloser Mitarbeiter - diesen Betrag auch richtig ein. Macht der Chef am Abend den Kassenabschluss, steht als Umsatz aber beispielsweise, je nach Voreinstellung der Software in der Kasse, nur 80 Euro.

Damit erzielt er 20 Prozent weniger Umsatz, für den er keine Umsatz-, Gewerbe- und Einkommensteuer abführen muss. Im ersten Moment erscheint dies nicht viel. Betrachtet man 20 Prozent aber bei einem Monatsumsatz von angenommen 10.000 Euro, wären es schon 2.000 Euro.

Daneben gibt es auch die doppelte Kasse: Im Laden werden die echten Umsätze gebucht und nach Feierabend wird in einer anderen - typengleichen - Kasse, die gefälschten Umsätze nachträglich eingebucht.


 

Manipulation muss doch auffallen, oder?

Grundsätzlich ja, denn es gibt so genannte statistische Erfahrungswerte seitens der Finanzbehörden - auch für Gastronomien, Bars und anderen Branchen - auch als Richtsatztabelle bekannt.

Die kriminelle Energie so mancher Gastronomen lassen oft keine Ideen aus. Als Klassiker gilt da der Schwarz-Einkauf im Supermarkt. Da Gastronomen üblicherweise ihre Getränke bei Großhändlern beziehen, sind diese Einkäufe für das Finanzamt im Fall einer Kontrolle nachprüfbar.

Finanzbeamte prüfen derartige Großhändler regelmäßig und machen sich Notizen über die Menge der Einkäufe eines jeden Gastronomen. Diese Zahlen werden dann dem zuständigen Finanzamt des Gastronomen, also der Kunde des Großhändlers, übermittelt. Kommt es bei dem Gastronomen zu einer Betriebsprüfung seitens des Finanzamtes, hat der Außenprüfer regelmäßig schon sämtliche Nachweise über getätigte Einkäufe in seiner Tasche. Diese Daten überprüft er mit den Belegen beim Gastronomen. Fehlen da Belege, geben sie den ersten Anfangsverdacht eines möglichen Schwarz-Einkaufes.

Gastronomen sind auch lernfähig und verlagern dann die Schwarz-Einkäufe auf einen anderen Lieferanten. Das sind also einerseits die Einkäufe im Supermarkt, und wer es bequem haben will, die Kleinst-Händler. Sie liefern, wie auch die Großhändler, ihre Ware - nicht selten mit neutralen Fahrzeugen - an ihre Kunden.

Allerdings steht dann auf der Rechnung nur "Barverkauf" drauf. Und, wenn dieser Kleinst-Händler einmal vom Finanzamt geprüft wird, liegen dem Außenprüfer Hunderte von Ausgangsrechnungen vor, auf denen allerdings kein Rechnungsempfänger steht - immer nur „Barverkauf“.

So kann der Prüfer keine so genannte Kontrollmitteilung an Kunden des Kleinst-Händlers übermitteln. Da auch die Bezahlung in Bar bei Übergabe erfolgt - keine Chance. Ein Albtraum für Betriebsprüfer.


 

Woran erkenne ich, ob ein Kassierer betuppt?

Am offensichtlichsten, wenn er vor dem Gast gar nicht erst bongt, und nur die Kassenschublade mit einem Knopfdruck öffnet, dabei nur Wechselgeld raus gibt.

In einem anderen Fall drückt er zwar mehrere Tasten nacheinander - nutzt die Tastatur aber nur als Taschenrechner. Oft bei mehren gleichzeitigen Bestellungen der Fall. Dem Gast fällt dies, da er ja oft hinter der Registriekasse steht, zunächst nicht auf. Spätestens dann, wenn der Gast nun einen Bewirtungskosten-Beleg fordert, kommt der Kellner ins Schwitzen. Denn nun muss er die gesamte Bestellung in die Kasse einbuchen. Der Schwarzumsatz geht ihm damit flöten, da er nun diese Bestellung offensichtlich in die Kasse eingebucht hat.

Verwendet er aber darüber hinaus aber noch die oben beschriebene Manipulationssoftware als zusätzliche Option der Kassenmanipulation, so könnte er dennoch von dem eingebuchten Umsatz zumindest eine Quote manipulieren.

Selbst beim Erhalt eines Kassenbons ist nicht gewährleiet, dass der Umsatz korrekt in der Kasse eingebucht worden ist. Nein, da kommen noch die "Test"-Bons in Frage. Bei manchen Bons steht dann "Testkellner" oder "Testbon". Dem Beleg fehlt in der Regel eine laufende Bon-Nummer. Dennoch können sie dank der Manipulationssoftware in der Kasse fast identisch mit einem Origanalbeleg aussehen.

Wichtigstes Merkmal einer Rechnung ist die Bonnummer. Sie sollte regelmäßig einen hohen Wert auf dem Beleg vorweisen. Steht da als Belegnummer beispielsweise nur "0" oder eine Zahl unter zehn, stimmt da möglicherweise was nicht.


 

Mache ich mich auch mit strafbar?

Nein. Wir sind nicht in Italien. Verlässt dort nämlich ein Gast die Gastronomie und wird von der Finanzpolizei angehalten, und er kann seinen Bewirtungskostenbeleg den Beamten nicht vorlegen, macht er sich mit strafbar. Also nicht überrascht sein, dass in Italien die Händler und Gastronomen einem den Bon regelrecht aufdrängen und darauf bestehen, ihn bei sich zu tragen.


 

Anhand der eingekauften Menge kann man doch die verkaufbare Menge mal Verkaufspreis ermitteln, oder?

Theoretisch ja, praktisch nein. Insbesondere in der Gastronomie kann es schon mal häufiger zu Stromausfällen kommen - die Gefriertruhe taut auf. Also rein theoretisch, aber nicht wirklich. Die Ware ist aber dann formal verdorben und muss weggeworfen werden. Je größer also die Kühltruhe, desto mehr kann rein theoretisch auch bei einem "unerwarteten" Stromausfall als verdorben deklariert werden. Verdorbene Ware - kein Umsatz.

Das können dann sch einmal 50 Hummer sein, die ansonsten für 35 Euro hätten verkauft werden können. Oder ein Fass Bier ist schlecht, zumindest offiziell. Tja, und dieses vermeintlich als schlecht gewordene Bier läuft dann über Bierhahn 4 am Tresen. Bis ein Finanzprüfer erscheint, ist das Fass längst leer und die Spuren sind verwischt. Der Schwarz-Umsatz komplett in der Tasche des Gastronomen.


 

Warum kann man das nicht stoppen?

Weil es genauso schwierig ist, den Drogenhandel zu kontrollieren, wie den Gastronomen. Nicht, weil es nicht möglich wäre, sondern weil es schlichtweg Personalprobleme in den Finanzämtern gibt - die Anzahl der Außenprüfer nimmt stets ab.


 

Gibt es Gastronomie-Betriebe, wo es keine Kassenmanipulationen gibt?

Auch hier: theoretisch ja, faktisch nein. Ein Beispiel: Verkauft ein Schnellimbiss eine Bratwurst zur Mitgabe - also nicht zum Verkauf vor Ort - dann muss der Gastronom entsprechend des Umsatzsteuergesetzes nur sieben Prozent Umsatzsteuer zahlen. Verzehrt ein Gast die Bratwurst aber am Imbiss, dann werden 19 Prozent fällig.

Bestes Beispiel: McDonalds, Burger King & co. Regelmäßig werden die Waren zwar als To-Go Pakete eingepackt, weil dann nur 7 Prozent Umsatzsteuer fällig sind. Mitarbeiter fragen nicht selten suggestiv: "Sie möchten den Hamburger sicher mitnehmen, oder?" "Ja, klar", wa soll der Kunde auch anders antworten, denn mitnehmen tut er ihn immer - nur wo essen.

Entscheidet sich der Gast dazu, z. B. wegen Regen, den Hamburger doch im Schnellrestaurant zu essen, erfolgt keine nachträgliche Änderung des Verkaufes von 7 auf 19 Prozent. Bei den Millionen-Umsätzen ein nicht unwichtiger Faktor - zum Nachteil des Steueraufkommens.


 

Warum reagiert der Gesetzgeber nicht?

Die Gesetzgebung läuft bekanntlich der Realität stets hinterher. Bevor ein neues „Gesetz zur Bekämpfung …“, wie man regelmäßig liest, erlassen wird, gibt es bereits andere Wege, diese zu umgeben.


 

Wie hoch sind die Steuerausfälle in der Gastronomie?

Hoch, bis sehr hoch, weil sie wegen der Vielzahl von Betrieben als eine der am schlechtesten kontrollierbaren Branche gilt. Aber nicht, weil es nicht möglich wäre, sie zu kontrollieren, sondern weil schlichtweg das Personal in den Finanzämtern fehlt, flächendeckende Kontrollen einzuführen.

In nahezu jeder Branche wir tagtäglich Schwarzgeld generiert. Eine verlässliche Milliardensumme an Steuerausfällen lässt sich nicht seriös darstellen, da in allen Branchen Schwarzgeld, also Geld für Arbeiten nach 16:00, angenommen werden. So manchem Promi-Anwalt wird auch unter verholener Hand nachgesagt, er würde über und unter dem Tisch kassieren.

Steuerexperten gehen davon aus, dass rund ein Viertel des gesamten Umsatzes in Deutschland "Schwarz" erwirtschaftet wird.  Dazu gehören auch Zahlungen von armen Rentnern, die sich, anstelle eines teuren Fachbetriebes - der 48 Euro plus Anfahrt berechnet - nur den Elektriker Kurt aus dem Ort für 10 Euro leisten können. Und der macht nach 16:00 Uhr die gleiche professionelle Arbeit, wie tagsüber in seinem Betrieb, in dem er je Stunde nur 13 Euro Brutto verdient - nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung auch nur weniger als 7 Euro hätte.


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