Die Reportage: Friseurin in Hildesheim – Schwarzgeld und Hungerlohn

JBM - Ein Friseur-Betreiber aus Hildesheim bezahlt mutmaßlich Mitarbeiter, neben einem kleinen Gehalt, mit Schwarzgeld - die Arbeitgeber-Beiträge zur Sozialversicherung müssen sie auch selber zahlen - und das seit Jahren.

 

Eine Reportage von Jeroen Breforth


 


Angst vor Verfolgung und Rache.

Führte mich meine letzte Reportage auf die wunderschöne Insel Borkum, verschlug es mich nun in die für ihre Kirchen berühmte niedersächsische Stadt Hildesheim - nahe der A7, circa 35 Kilometer südwestlich von Hannover mit rund 100.000 Einwohnern.

Dort traf ich mich mit den beiden Freundinnen Leyla und Fatma. Die Vornamen sind fiktiv, um ihre Identität vor möglicher Verfolgung und Rache zu schützen.

Leyla und Fatma sind beide Friseurinnen und leben in Hildesheim - Leyla hat sogar ihren Meister in der Tasche. Beide verbindet nicht nur ihr Beruf miteinander, sondern seit langem - neben einer engen Freundschaft - auch ein gemeinsames Problem: Ausbeutung durch den Arbeitgeber und ungewollte Teilnahme an kriminellen Machenschaften.

Zur Polizei gehen? Nein, das trauten sie sich bisher nicht. Zwar ist Fatma bereits von ihrem gemeinsamen Chef von heute auf morgen entlassen worden - eine Kündigungsfrist gab es nicht - aber Angst vor Verfolgung und Rache lähmt beide.

Wedekind-Haus / Bild: JBM|News

Wedekind-Haus / Bild: JBM|News

Denn, würden sie mit ihrem gemeinsamen Problem zur Polizei gehen, hält zumindest Leyla eine Verfolgung durch die Justiz für möglich.

Vor Rache aber haben beide noch viel mehr Angst, denn dann könnten sie, wie sie in einem gemeinsam geführten Interview zu Bedenken gaben, in Hildesheim nicht mehr leben.

Einerseits die Angst vor Verfolgung durch die Justiz, andererseits aber auch lähmende Angst vor Rache von dem - für Fatma bereits ehemaligen - Chef und dessen Familienangehörige.

Fatma und Leyla sind auch in den sozialen Netzwerken miteinander stets verbunden - über Facebook tauschen sie sich oft aus, denn seit sie nicht mehr zusammen arbeiten, sehen sie sich auch nicht mehr so häufig.

Seit Fatma arbeitslos ist, verbringt sie sehr viel Zeit im Internet - sucht Arbeit. Aber auch ihr gemeinsames Problem ließ sie stets nicht los. Immer wieder suchte Fatma im Internet nach Lösungen für ihre gemeinsame - vermeintlich ausweglose - Situation.

Über Facebook stieß Fatma dann auf die Nachrichten-Agentur JBM|News - nahm Kontakt mit der Redaktion auf. Beide trafen sich mit mir in einem Café in der Altstadt von Hildesheim.

Was war eigentlich passiert? Um was geht es eigentlich?

 

Drohungen und Einschüchterungen.


Fatma, Leyla und ich hatten es uns in einem Café in Hildesheim an einem Tisch am Fenster gemütlich gemacht. Das Café war nur mäßig gefüllt.

„Was darf es denn sein", fragte die Bedienung höflich. Während ich noch in die Karte schaute, bestellten die Beiden bereits eine heiße Schokolade. Die Bedienung wartete ungeduldig.

Tempel-Haus / Bild: JBM|News

Tempel-Haus / Bild: JBM|News

Genervt von dem umfangreichen Getränkeangebot legte ich die Karte zur Seite: „Ich nehme einen Kaffee“, sagte ich der Bedienung nur kurz und wandte mich Leyla und Fatma zu.

Beide saßen mir gegenüber - Leyla links und Fatma rechts am Fenster. So hatten wir einen angenehmen Blickkontakt.

Leyla - Mutter zweier Kinder - ist angestellte Friseurmeisterin in einem Salon in Hildesheim. Wegen ihrer Kinder arbeitet sie seit Jahren nur in Teilzeit. Wäre ihr Mann nicht voll berufstätig, könnte sie die Familie nicht durchbringen. Doch sein Job steht nun auf der Kippe. Wie lange wird es noch gut gehen? Mit ihrem geringen Gehalt wäre das ein Desaster.

„Selbstständig machen?", eigentlich schon, aber sie hat Angst. „In Hildesheim für mich unmöglich. Dass wüsste jemand zu verhindern", während sie mit ihrem Daumen vermutlich in Luftlinie Friseursalon zeigte, in dem sie arbeitet. Außerhalb von Hildesheim - sehr weit weg - könne sie sich das vielleicht vorstellen. Ihre Worte klangen ängstlich.

Nur, ohne Startkapital sieht sie jedoch keine Chance für sich. Der Konkurrenzkampf und immer mehr Friseur-Läden - die oft unter Selbstkosten-Preis arbeiten - machen ihr keinen Mut. „Sorry, alles für 10 Euro? Ne, dass geht nicht. Da bekomme ich ja nicht mal die Miete rein."

„Als er noch keinen Meister hatte", sie meinte damit ihren Chef, „war ich gut genug für ihn. Doch nun hat er selber den Meister gemacht, und ich störe ihn eigentlich nur." Ihre Enttäuschung - gepaart mit ein wenig Verzweifelung - sprangen ihr aus dem Gesicht.

Anfänglich war ihr Chef, der er eigentlich immer schon war, Friseur-Geselle, doch damit war ihm gemäß Handwerksordnung die Eröffnung eines Friseur-Salons nicht möglich. Daher hatte er vor Jahren Leyla offiziell als Meisterin und Geschäftsführerin der Handwerkskammer gemeldet - die eigentlichen Strippen aber führte die Familie im Hintergrund.

„Schauen sie sich den Laden doch mal an; da steckt so viel Geld drin. Das haben die ihm alles hingestellt." Damit meinte sie die Familie des Chefs. „Außerdem habe ich zwei Kinder und noch einen Mann, der darüber nicht begeistert wäre." Leyla lehnte sich zurück, sie verschränkte die Arme.

Fatma streichelte ihr über den linken Arm, als wenn sie Leyla trösten wolle: „Leyla hat Recht", und brachte sich nun auch in das Gespräch mit ein, „ich habe auch mal versucht, mich selbstständig zu machen. Gedroht hat er mir."

Markt-Konkurrenz auf diese Weise zu beeinflussen, scheint da wohl das Motiv gewesen zu sein.

 

Gehaltsabrechnungen gefälscht.


Mich interessierte nun deren gemeinsames Problem mit der Entlohnung, denn das war ja der Hauptgrund, warum wir uns trafen. Für Fatma war der Zug eh´schon abgefahren, da sie arbeitslos war, aber für Leyla immer noch nicht.

„Was ich verdiene? Mal 800 Euro Brutto, auch schon mal nur 600 Euro." Den Rest verdiene sie 'schwarz' auf die Hand. „Von meinem offiziellen Lohn muss ich aber noch seine Beiträge für die Krankenkasse zahlen. Die behält er auch noch ein."

Umgestülpter Zuckerhut / Bild: JBM|News

Umgestülpter Zuckerhut / Bild: JBM|News

Jetzt musste ich nachfragen: „Meinen Sie die Arbeitgeber-Anteile auch?" „Ja, genau. Der zieht mir vom Netto noch seine Kranken- und Rentenbeträge ab", sie meinte damit die Beiträge zur Rentenversicherung, „und die Arbeitslosen-Versicherung auch." Über eine solche Methode war ich doch sehr verwundert.

„Zeig' ihm doch mal Deine Abrechnung", führte Fatma an. Leyla drehte sich nach links und hob ihre Handtasche auf den Schoß: „Ja, habe ich ja extra mitgebracht." Sie legte mir ihre letzte Gehaltsabrechnung vor.

Tatsächlich: Auf der Abrechnung standen nur 600 Euro Brutto-Gehalt - Leyla hatte Recht. Diese Abrechnung studierte ich nun eine Weile.

Auf der Gehaltsabrechnung war zwar ein Betrag von 600 Euro zu lesen - von geleisteten Arbeitsstunden allerdings keine Spur. 'Festgehalt' lautete der Text, der links neben dem Geldbetrag stand.

 

Arbeitgeberanteile wurden vom Trinkgeld bar kassiert.


Ich nippte an meinem Kaffee. Von diesen 600 Euro Gehalt wurden 57,08 Euro Lohnsteuer abgezogen - klar, sie hatte die Lohnsteuer-Klasse 'Fünf', weil ihr Mann ja die 'Drei' hatte. Auch waren bei ihr keine Kinderfreibeträge auf der Abrechnung - offensichtlich auch bei ihrem Mann, der wesentlich mehr verdienen musste.

Dann noch einmal 122,85 Euro für Kranken-, Renten- und Arbeitslosen-Versicherung - netto blieben 420,06 Euro zur Auszahlung übrig.

Hildesheimer Dom, "St. Mariä Himmelfahrt" / Bild: JBM|News

Hildesheimer Dom, "St. Mariä Himmelfahrt" / Bild: JBM|News

„Damit es keine Missverständnisse gibt", jetzt wollte ich es genau wissen, „Ihr Chef kassiert von den knapp 420 Euro noch einmal 122,85 Euro ab? „Ja", sagte sie knapp. Ihre Arme waren noch immer verschränkt. Sie wirkte dadurch reserviert - eher etwas skeptisch.

Hilfe suchend blickte sie zu Fatma. „Mit mir hat er das auch gemacht", sprang Fatma ihr zur Seite. „Deswegen hat er mich ja auch rausgeschmissen, weil ich das mit der Bezahlung so nicht mehr wollte", ergänzte sie.

„Sie erwähnten vorhin, Sie würden noch weitere Gelder nebenbei bekommen", bohrte ich nach, „würden Sie mir den Betrag nennen?" Ruhe. Leyla blickte Fatma wiederum hilfesuchend an. „Das musst du nun auch sagen", beruhigte Fatma.

„Bleibt das unter uns?" „Wenn Sie möchten, dass ich darüber Schreibe, dann werde ich das zwar veröffentlichen, aber Ihr Name wird niemals öffentlich", lenkte ich beschwichtigend ein, „ich bin als Journalist nicht verpflichtet, meine Quellen zu nennen - wir genießen Schweigerecht."

Leyla schien überzeugt. „Von meinem Trinkgeld bezahle ich in der Regel seine Abzüge, das reicht meistens. Dann bekomme ich noch so 300 Euro, so nach Umsatz", rechnete Leyla vor.

„Aber das ist doch illegal", erwiderte ich. „Der zahlt Ihnen von ihrem Brutto von 600 Euro, abzüglich 122,85 Euro - wobei dann knapp 477 Euro real sind - plus die 300 Euro 'schwarz', nur 777 Euro."

Michaelis-Kirche / Bild: JBM|News

Michaelis-Kirche / Bild: JBM|News

„Wie viel Stunden haben Sie denn insgesamt in diesem Monat gearbeitet", fragte ich sie weiter.

„Lassen sie mich mal rechnen", entgegnete Leyla und rechnete mit ihren zehn Fingern. Sie schien überfordert. Ein weiterer Griff in die Handtasche - sie zog ein Smartphone hervor. Mit flinken Fingern rechnete sie auf dem Bildschirm: „110 Stunden waren es", und drehte dabei ihr Handy mit der Bildschirmseite zu mir.

Nun lehnt ich mich überrascht zurück: „Und dafür arbeiten Sie?" Mein Entsetzen war nicht zu übersehen. „Ich bekam nicht mal die 300 Euro", jetzt legte Fatma los, „der sagte mir immer, dass ich doch froh sein solle, wegen der Kranken-Versicherung."

Fatma lebt geschieden von ihrem Mann mit ihrer Tochter alleine, wie ich ergänzend erfuhr.

Somit verdient Leyla umgerechnet sieben Euro die Stunde - weit unter dem Mindestlohn von 8,50 je Stunde - ganz abgesehen von der illegalen Form der Bezahlung.

Ein Skandal, dachte ich mir und nippte an meinem Kaffee - ich war sprachlos. Dadurch spart der Arbeitgeber eine Menge Sozialabgaben, dachte ich mir.

Auch Leyla und Fatma schlürften an ihrer Schokolade.

„Und wie lange geht das schon so?", wollte ich wissen. „Seit ich nicht mehr den Meister mache. Ungefähr drei Jahre schon", ergänzte sie. „Und bei Ihnen, Fatma?" „Seit ich dabei war", eine wohl offensichtlich lange Zeit.

 

Angst vor Verfolgung und Rache.


„Was ich nicht verstehe, warum gehen sie damit nicht zur Polizei?" Leyla beugte sich vor, legte ihre Arme auf den Tisch, blickte mir tief in die Augen und sagte: „Dann steht das in den Akten der Polizei. Und mein Name steht dann da auch drin", Leyla schien sich informiert zu haben. „Und außerdem mache ich mir wegen dem Schwarzgeld sicher auch keine Freunde, ich bin doch dann wohl auch dran, oder?"

Aber das war nicht alles: „Und meine Familie? Was ist damit?" Jetzt wurde Leyla konkret. „Das ist eine Mafia-Familie, wie man so sagt." Leyla wirkte sehr aufbrausend, aber dabei nicht unfreundlich - eher hilflos.

„Die haben etliche Läden, Döner-Buden, Autohandel und was weiß ich nicht alles." Leyla klang bestimmt. „Woher beziehen Sie denn die Kenntnis, dass es sich um eine mafiaähnliche Familie handelt?" Das wollte ich nun genauer wissen.

„Sagen wir so, ich kenne die Familienverhältnisse genauer. Als ich noch Geschäftsführerin war, hatte ich mehr Kontakt zu seiner Mutter", damit meinte sie die Mutter vom Chef, „ich habe auch viele Gespräche mitbekommen. Was meinen Sie wohl, warum ich hier noch Arbeit habe?"

Andreas-Kirche / Bild: JBM|News

Andreas-Kirche / Bild: JBM|News

Offensichtlich deshalb, weil sie mehr wusste, als dem Familien-Clan angenehm war. Außerdem war sie ja irgendwie Mitwisserin.

„Ja, bitte, sagen Sie es mir", entgegnete ich ihr dennoch freundlich. Denn ich gewann den Eindruck, sie fühlte sich von mir nicht ernst genommen.

Fatma lenkte ein: „Hey, Leyla, ich habe den Kontakt hergestellt. Der ist doch kein Polizist. Der schreibt doch nur. Nur so können wir doch versuchen unser Problem an die Öffentlichkeit zu bringen."

Leyla lehnte sich wieder  zurück. Stille umgab das Café. Inzwischen waren wir nur noch zu dritt im Café. Die Bedienung räumte die Nachbar-Tische ab. Ich blickte zu ihr rüber - sie lächelte verstohlen zurück.

Dann wandte ich meinen Blick zurück auf die Beiden.

 

Geld-Schmuggel ins Ausland.


„Nun erzähl doch mal von dem Geld, was du für ihn weggebracht hast." Fatma wollte die Stimmung wieder heben. „Was für ein Geld denn?", bohrte ich neugierig nach.

Wie ich nun erfuhr, hatte Leyla im letzten Jahr viel Geld - vermutlich Schwarzgeld - ins Ausland (anonymisiert) geschmuggelt. Offensichtlich war es ihr peinlich.

Da ich Fatma und Leyla versprach, sie nicht zu belasten, beziffere ich den Transfer in dieser Reportage nicht in Euro. Fatma amüsierte sich aber lauthals, als mir der Kaffee im wahrsten Sinne des Wortes „im Hals stecken" blieb - auch Leyla strahlte. Offensichtlich schienen sie sich darüber zu amüsieren, mich mit dem Geldbetrag beeindruckt zu haben.

Ihr Chef habe sie unter Druck gesetzt - ihren Arbeitsplatz davon abhängig gemacht. Da sie nun auch nicht mehr die Jüngste war, fühlte sie sich in der Zwickmühle. Eine neue Stelle als Meisterin im Friseur-Handwerk zu bekommen? Für sie nahezu aussichtslos.

Leyla fährt einmal im Jahr, wie sie detailliert beschrieb, für mehre Wochen mit ihrer Familie ins Ausland (anonymisiert). Bei dieser Gelegenheit hat sie das Bargeld außer Landes geschafft - dort (anonymisiert) das Geld dann einem Familien-Mitglied übergeben.

Sie wisse jetzt auch, dass sie sich damit wohl strafbar gemacht hatte - aber bewusst machte sie sich ihr Verhalten erst hinterher, als sie wieder zurück nach Deutschland kam.

„Mit denen kann und darf ich mich nicht anlegen", äußerte sich Leyla besorgt. „Ja", bestätigte Fatma. „Und immer dicke Autos fahren sie. Häuser, ja ganze Straßenzüge kaufen die hier in Hildesheim auf", Leyla klang verzweifelt. Ich spürte ihren Frust. „Das merkt hier wohl keiner, oder die Politiker und so gucken hier alle weg."

"Huckup" / Bild: JBM|News

"Huckup" / Bild: JBM|News

„Hier gibt es Läden, da werden Sachen verkauft, die keiner braucht. Da geht auch selten jemand rein. Aber die Mieten für die großen Läden sind trotzdem immer da, wie geht das denn?", legte Fatma nach.

„Woher kommen denn diese enormen Geldsummen", fragte ich nach. „Na, woher wohl?", half Leyla mir auf die Sprünge. „Vielleicht auch Drogen, Geldwäsche, oder so?" konterte ich vorsichtig.

Leyla richtete ihren Blick aus dem Fenster: „Mit Sicherheit. Aber beweisen kann ich es nicht."

 

Schwarzgeld durch Kassen-Manipulation.


Mich interessierte noch das Kassensystem und Art der Bezahlung im Laden. Naiv fragte ich: „Wer hat denn an der Kasse gesessen? Haben Sie oder jemand anderes die Zahlungen der Kunden in der Kasse verbucht?" Schallendes Gelächter - beide schauten mich mit einem schelmhaften Blick an.

Leyla war bekanntlich ehemals Geschäftsführerin, wenn auch nur pro forma, aber sie wusste darüber mehr, als Fatma: „Das ist immer Sache vom Chef. Wenn er mal weg muss, wacht seine jüngere Schwester hinter unserem Rücken, ob wir auch alles abrechnen, meine ich."

„Wir haben eine Buchhalterin, die auch immer die Steuern macht", führte Leyla weiter aus, „und es gibt hinten einen Rechner, da wird an den Buchungen vorne an der Kasse gemauschelt."

Woher sie das wisse, wollte ich genauer hören. „Wenn an einem Tag besonders hohe Umsätze vorne gebucht wurden, standen abends nur etwa 500 Euro auf dem Kassenbon. Hinten bearbeitet der irgendwie die Kassen-Umsätze, jedenfalls bucht das dann auch die Buchhalterin."

Sie beschrieb den Ablauf der Kassen-Manipulation so genau, wie möglich - und glaubhaft nachvollziehbar. Die Einnahmen wurden also über Jahre hinweg manipuliert - Schwarzgeld an der Steuer vorbei.

„Wie hoch schätzen Sie denn so die Manipulationen", fragte ich weiter. „So ein paar Tausend im Monat sind es schon". Leyla rückte den Stuhl ein wenig zurück und überschlug die Beine. „Besonders so an Wochenenden oder vor Feiertagen, wenn eben viel los ist."

Mir war klar: Mit dem Schwarzgeld bezahlt er die Mitarbeiter und spart sogleich noch Umsatz-, Gewerbe- und Einkommensteuer - ganz abgesehen von den Sozialversicherungsbeiträgen. Andererseits beutet er die Mitarbeiter nach Strich und Faden aus - Stichwort: Mindestlohn.

Weiteres Problem: Leyla zahlte in der Vergangenheit das Schwarzgeld und den Rest des Trinkgeldes - nach Abzug der selbst aufzubringenden Arbeitgeber-Beiträge zur Sozial-Versicherung - auf ihr Girokonto ein. Wem will sie erklären, woher das stammt?

Rolandsbrunnen / Bild: JBM|News

Rolandsbrunnen / Bild: JBM|News

Wenn Leyla sich nur irgendeiner Behörde offenbaren würde - sei es der Steuerfahndung, Polizei oder Krankenkasse - wäre eine gewisse Mittäterschaft des Betruges nicht auszuschließen, zumal sie über Jahre hinweg diese Form der Entlohnung gebilligt hat.

Insbesondere als ehemalige Geschäftsführerin unterstellt man ihr zumindest eine gewisse Verantwortung - die „Ich bin doch nur eine ausgebeutete Mitarbeiterin ..." eher unglaubwürdig klingen lassen könnte.

Gefangen in einem jahrelangen System, aus dem Leyla gerne ausbrechen möchte, aber nicht weiß, wie. Sie fühlen sich beide mitschuldig. „Dass das so ausufert", Fatma stellte ihre leere Tasse ab, „hätten wir uns nicht vorstellen können, oder Leyla." „Nein", sagte Leyla nachdenklich.

Es wurde ruhig. Niemand sagte mehr etwas - das ging so etwa eine Minute.

Das Ganghofer'sche „Schweigen im Walde" wurde plötzlich von dem Klingeln des Smartphones von Leyla unterbrochen. Sie hob es vom Tisch auf, schaute drauf. „Der Wecker. Ich muss zur Arbeit, leider."

Leyla hob ihre Handtasche hoch, stand auf und streckte mir die rechte Hand entgegen. „Danke, dass Sie zugehört haben."

 

Keine Chance dem System zu entkommen.


Fatma aber blieb sitzen. Daran merkte ich ihr Bedürfnis noch mit mir weiter reden zu wollen. Ich stand ebenfalls auf, gab Leyla die Hand - lächelte ihr zu - und bedankte mich ebenfalls für das Gespräch. Leyla ging zur Tür, drehte sich noch einmal um und winkte zurück. Sie wirkte irgendwie erleichtert.

Ich setzte mich wieder. Bei der Bedienung bestellten wir noch einmal das Gleiche: eine Schokolade und einmal Kaffee.

Geschlagene zwei Stunden saßen Fatma und ich noch zusammen. So erfuhr ich sehr viel über ihre - aber auch Leylas - Sorgen. Ich war irgendwie auch berührt, da ich wusste, dass zumindest Leyla nach dem jetzigen Stand der Dinge keine Chance hat, aus diesem kriminellen System auszubrechen - nur eine Kündigung bei ihrem Chef könnte erste Hilfe bieten.

Und dann? Arbeitslosigkeit wäre das Ergebnis. Bisher war sie mit ihren Arbeitszeiten - auch wegen der Kinder - zufrieden. Aber in ihrem Alter noch etwas anderes? Wo soll sie also dann noch Arbeit bekommen - schließlich ist sie nun auch nicht mehr die Jüngste.

Knochenhauer-Amtshaus / Bild: JBM|News

Knochenhauer-Amtshaus / Bild: JBM|News

Aber auch Fatma wird in der Stadt Hildesheim - ähnlich wie bei Leyla - keinen Job mehr bekommen. Sie hat sich inzwischen auch in Hannover und Umgebung beworben, in der Hoffnung von Hartz-IV wegzukommen. Wie sie das dann mit ihrer Tochter lösen kann, weiß sie allerdings noch nicht.

Wir verabschiedeten uns sehr vertraut. Ich ging zum Tresen, zahlte die Rechnung und folgte Fatma zur Tür. Zum Abschied drehte sich Fatma auf einmal um und nahm mich ganz fest in den Arm - gab mir einen Kuss auf die linke und rechte Wange: „Danke", sagte sie nur kurz und entschwand in den Trubel der Stadt.

Auf meiner Rückreise schaute ich mir die Stadt noch einmal genauer an - insbesondere das Friseur-Geschäft. Leyla hatte Recht: das war nicht billig.


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Hintergrund


Der Ehrliche ist der Dumme.

Korruption, Betrug und Untreue sind nur einige Beispiele für aktuelle Auswüchse einer dunklen Seite unserer Wirtschaft.

Die Schäden durch Wirtschaftskriminalität belaufen sich jährlich auf mehrere Milliarden Euro.

Wirtschaftskriminalität ist in hohem Maße schädigend für Organisationen und die gesamte Gesellschaft. Wenige Täter schädigen oft viele Opfer und bereichern sich auf deren Kosten.

Zu diesen Kosten gehört nicht selten der Verlust des Arbeitsplatzes, da gerade kleinere und mittelständische Unternehmen durch die Folgen in ihrer Existenz bedroht sein können. Hinzu kommen beträchtliche immaterielle Schäden für die Gesellschaft - wie etwa die Untergrabung der öffentlichen Moral („der Ehrliche ist der Dumme") oder ein schlechter Ruf der Wirtschaft insgesamt.

 

Anonyme Anzeigen beim Landeskriminalamt.


Gründe genug, um aktiv gegen die Ursachen der negativen Folgen vorzugehen und mit vereinten Kräften für eine funktionierende Wirtschaftskultur einzutreten.

Unternehmen, Verwaltungen und Polizei sind dabei auf die Hinweise mutiger Mitarbeiter und verantwortungsbewusster Bürger angewiesen: Oftmals wissen Mitarbeiter oder Personen aus dem Organisationsumfeld von schädigenden Verhaltensweisen, trauen sich aber aus Angst vor Repressalien nicht, jemandem davon zu erzählen.

Um Bedenken dieser Art entgegenzuwirken, können Betroffene Hinweise anonym abgeben. Dadurch können kriminelle Aktivitäten frühzeitig aufgedeckt, Täter ermittelt und so die Entstehung weiterer Schäden verhindert werden.

Das System schützt anonyme Hinweis-Geber wirksam vor Diskriminierung und bietet dazu eine mit den neuesten Techniken gesicherte Kommunikationsplattform.

 

Elektronischer Kontakt hat Vorteile.


Bislang erreichten anonyme Hinweise die Strafverfolgungsbehörden auf dem Postwege oder über Telefon.

Diese Möglichkeiten sind jedoch eine kommunikative Einbahnstraße: Nach der Meldung ist keine Kontaktaufnahme zum Hinweisgeber mehr möglich, was aber oftmals für eine Konkretisierung des Sachverhaltes erforderlich ist.

Überdies erfährt der anonyme Hinweisgeber nicht, ob seine Meldung angekommen ist und bearbeitet wird.

Durch die Bereitstellung der internetbasierten Kommunikationsplattform BKMS® bietet beispielsweise das Landeskriminalamt Niedersachsen die Möglichkeit, sich durch Anonymität zu schützen und gleichzeitig aktiv an der Aufklärung von Wirtschaftskriminalität mitzuwirken.


Weiterführende Informationen des Landeskriminalamts Niedersachsen erhalten Sie hier.


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1 Antwort

  1. Das ist leider ein Problem das von den Sozialleistungsträgern KK, BfA und BG gefördert wird. Seit 7 jahren versuchen “vier Personen” die zuständigen Krankenkasse dazu zu bewegen von einem Arbeitgeber die vorenthaltenen Sozialbeiträge einzufordern (ca 90 -120 00 €) trotz gesetzlicher Regelung SGB IV und höchstinstanzlicher Urteile von BSG, BAG und BGH wird sich hier geweigert, die Beiträge gegenüber dem AG geltent zu machen, im Gegenteil man versucht hier permanent die Zuständigkeit auf Sozialträger wie den DRV abzuwälzen. Ob es jetzt daran liegt das es sich bei den Arbeitgebern um eine Migrantengruppe handelt oder nicht kann nicht bestimmt werden (dazu gibt es keine Auskünfte).

    Für evtl. Nachfragen Email verwenden.

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