Schlag gegen die Medikamenten-Mafia – 3,5 Millionen Tabletten einkassiert

JBM - 3,5 Millionen illegale Arzneimittel, 440.000 Euro Bargeld sowie teure Pkws und Luxus-Uhren beschlagnahmt - fünf Festnahmen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und in den Niederlanden.

Das Zollfahndungsamt Essen hat bei Hausdurchsuchungen in Duisburg, Gelsenkirchen und Bad Pyrmont bereits Anfang September 3,5 Millionen Arzneimittel, mit einem geschätzten Schwarzmarktwert von 14 Millionen Euro sichergestellt - fünf mutmaßliche Täter wurden festgenommen.

Drei der fünf Beschuldigten - im Alter von 29, 43 und 65 Jahren - wurden in Duisburg festgenommen, ein 31-jähriger in Gelsenkirchen und ein 34-jähriger wurde aufgrund eines europäischen Haftbefehls in Den Haag inhaftiert. Ihnen gemeinsam wird, neben bandenmäßiger Steuerhinterziehung, auch ein schwerer Fall von illegalem Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Vorwurf gemacht - Haftstrafen von bis zu zehn Jahren drohen.

Die Tabletten stammen aus Indien - dort unsachgemäß hergestellt - bei denen es sich sowohl um illegale Lifestyle-Produkte, potenzsteigernde Präparate und Schlankheits-Mittel, Antibiotika, Schmerz- und Schlafmittel, als auch um Antidepressiva und Beruhigungstabletten handelt.

Bild: ZFA-E

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Neben den Tabletten wurden auch 440.000 Euro in Bar, Fahrzeuge der Oberklasse und Luxus-Uhren beschlagnahmt - Vermögen, das in unmittelbarem Zusammenhang mit den illegalen Geschäften steht.

Die Ermittler des Zollfahndungsdiensts Essen gehen aber noch von weiteren Geldvermögen auf in- und ausländischen Konten aus, denen sie nun - in Zusammenarbeit mit der zuständigen Steuerfahndung - auf der Spur sind, da die Täter ihren Handel international betrieben haben.

Anette Milk, Oberstaatsanwältin und Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Essen: "Die arbeitsteilige Organisations- und Arbeitsweise sowie die internationale Verflechtung der organisierten Arzneimittel-Kriminalität stellen Staatsanwaltschaften und Zollfahndung vor kriminalistische Herausforderungen. Nur eine enge nationale und internationale Kooperation aller Behörden kann Erfolg haben, will man den kriminellen Banden und deren skrupellosen Umgang mit der Gesundheit begegnen:“

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Bereits seit Jahren beschäftigt sich ein Team vom Zollfahndungsamt Essen mit dem illegalen Internethandel - immer wieder geraten banden-mäßig agierende internationale Täter-Gruppierungen in den Fokus der Ermittlungen. Oft sind sie jedoch schwer auszumachen.

Interpol hat zuletzt im Mai 2014 ein internationales Netzwerk von illegalen Medikamentenhändlern aufgedeckt. Die Polizei beschlagnahmte dabei Medikamente im Wert von 26,4 Millionen Euro - von Schlankheits- und Potenzpillen bis hin zu Krebsmitteln.

Hintergrund

Der vermeintlich günstige Preis, die einfache rezeptfreie Bestellung im Internet, formlose Zahlung per Onlinedienst und die Lieferung frei Haus verleitet viele Verbraucher dazu, diese Medikamente im Internet zu bestellen. Tatsächlich riskieren sie aber ihre Gesundheit, denn über die Inhaltsstoffe und die Dosierung weiß niemand Bescheid. Außerdem unterstützen die Käufer damit unbewusst die organisierte Kriminalität.

Ein potenzieller Käufer bestellt seine Medikamente im Internet - das Portal ist in der Regel in der europäischen Landessprache der Zielgruppe aufgebaut. Der erste Eindruck des Portals wirkt daher oft seriös und macht nicht den Eindruck, dass hier beim Kauf etwas Illegales von statten gehen könnte.

Um einen seriösen Eindruck zu gewährleisten, bedienen sich die ausländischen Schmuggler oft deutschsprachiger „Korrespondenz-Partner“, also jene, die perfekt Deutsch lesen und schreiben können. Diese sind für die Gestaltung und Pflege der Internetseite - aber auch für Rückfragen von Kontaktanfragen potenzieller Kunden zuständig. Sie erhalten hierfür entweder ein festes Honorar oder eine umsatzabhängige Beteiligung.

Bild: ZFA-E

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Auch wenn in Deutschland Pillen über deutschsprachige Internetseiten angeboten werden, sind die Seiten dennoch auf ausländischen Internet-Servern gehostet. Damit entgehen sie der Sperrung durch deutsche Behörden.

Beispiel Potenz: Warum floriert das illegale Geschäft?

Zunächst ist die Scham der Betroffenen - deren Dunkelziffer von Medizinern hoch eingeschätzt wird - mit ihrer intimen Problematik zu einem Arzt zu gehen und darüber zu sprechen. Daher wird dieses Problem eben durch Selbstmedikation gelöst - der freie Internethandel schafft daher eine ideale Plattform für illegale Vertreiber derartiger Selbstmedikationen.

Selbst, wer die Hürde der Offenbarung mit dem Arzt - oder Partner - übers Herz gebracht hat, wird spätestens dann mit den Kosten einer Potenzpille in der Apotheke konfrontiert: Rund 120 Euro kostet eine 12er-Packung Viagra 100 mg mit dem Inhaltsstoff Sildenafil. Für Bezieher mittlerer und geringer Einkommen eine weitere Ursache dafür, sich im Internet nach billigeren - vermeintlichen - Generika umzuschauen. Krankenkassen nämlich sehen sich für die Potenz der Betroffenen nicht in der Pflicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Ist das Potenz-Problem da, das Vertrauen in Hinblick auf Preis und Seriosität der Internetseite gewonnen, steht einem Klick für die Bestellung nichts mehr im Weg. Nur selten interessiert sich ein potenzieller Interessent für das ´Impressum´ des Internetanbieters.

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Auch optisch unterscheiden sich bei manchen illegalen Anbietern die Produkte nicht von denen, in einer Internet-Apotheke. Diese Form wird auch als ´Marken-Piraterie´ bezeichnet. Nach dem die Pharma-Unternehmen in den vergangenen Jahren massiv gegen optisch gleich aussehende Produkte vorgegangen sind, werden immer noch ähnlich aussehende Präparate angeboten.

Die Anzahl der Anbieter-Seiten von illegalen Medikamenten im Internet wird in Fachkreisen auf mehrere Hundert beziffert - für Verbraucher daher auch nicht wirklich immer einfach zu erkennen, ob sie nun mit einem seriösen oder illegalen Händler in Kontakt geraten.

Das Ganze geht solange gut, bis Käufer eines Tages Post vom Zollamt erhalten und ihnen der Verdacht des illegalen Bezugs von rezeptpflichtigen Medikamenten zum Vorwurf gemacht wird - dann wird es ungemütlich.

Wer ist Schuld?

Einerseits Käufer der Medikamente, die den illegalen Handel erst entstehen lassen. Ursache: Scham und Geld. Andererseits die Pharma-Unternehmen selber, weil sie den Marktpreis regulieren wollen. Deutschland zählt nämlich zu den wenigen Ländern Europas, wo die Preise festgeschrieben sind - dank Preis-Verordnung.

Deutschland gilt immerhin als Referenzmarkt für die Preisbildung in der Pharma-Industrie - für fast alle Medikamente. In Deutschland verschreibungspflichtige Medikamente sind in anderen europäischen Ländern erheblich günstiger, weil es dort keine derartigen Räume für Preisfixierungen gibt.

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Als Begründung ihrer rigiden Preispolitik führen Pharma-Unternehmen gerne die enorm hohen Forschungskosten an. Im Fall von Viagra & Co. stimmt dies allerdings nicht, da es sich bei diesem Wirkstoff um ein uraltes Nebenprodukt aus der Herzforschung handelt. Und für die Erforschung von Herzmedikamenten haben die Pharma-Unternehmen bereits Millionen an öffentlichen Fördergeldern einstreichen können - die Kosten hingegen um ein Vielfaches reingewirtschaftet.

Aufgrund Gesetzeslage müssen die Zollfahndungsstellen einerseits auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben achten, den deutschen Markt vor günstigere Generika zu schützen.

Andererseits schützt der Zoll auch vor Gefahren, wie den Vertrieb von gefährlichen Fälschungen, was sich positiv auswirkt.

Gegner einer solchen Abschottungspolitik sehen den Zoll allerdings als „verlängerten Arm der Pharma-Mafia“, die sich so Milliarden an Gewinnen aus Deutschland - in die Steueroasen -  sichern will.

Sind die Präparate immer gefährlich?

Nicht immer. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unterscheidet verschiedene Formen von Arzneimittel-Fälschungen:

  • Fälschung der (Marken-)Verpackung, der Blister oder Beipackzettel;
  • Perfekte Imitate;
  • Gefälschte oder qualitativ minderwertige Wirkstoffe;
  • Ohne Wirkstoff;
  • Anderer Wirkstoff als angegeben
  • Richtiger Wirkstoff, aber falsche Dosierung;
  • Schädliche Inhaltsstoffe.

Insbesondere schädliche Inhaltsstoffe lassen aufhorchen. Dabei werden oft chemische Substanzen beigemengt, die krebserregend oder hoch toxische Reaktionen auslösen können.

Da die chemischen Wirkstoffe dem Grunde nach bekannt sind, gibt es aber auch Produktanbieter, die exakt den gleichen Wirkstoff anbieten, wie sie die Pharma-Unternehmen selber herstellen. Diese jedoch als Verbraucher zu identifizieren, scheint fraglich.

Woher kommen die Produkte?

Die wichtigsten Hersteller von legalen und gefälschten Arzneimitteln sind China, Indien, Pakistan, Hongkong und Russland. Die Pharma-Unternehmen selber lassen die Tabletten nämlich tatsächlich - Lohnkosten bedingt - auch in Billig-Lohn-Ländern fabrizieren. Das weckt Begehrlichkeiten.

Aufgrund ihres geringen Volumens sind speziell Arzneimittel in Form von Tabletten oder kleinen Ampullen leicht in großer Stückzahl grenzüberschreitend zu transportieren. Dabei werden die Medikamente meist unter falscher Deklaration gegenüber den Zollbehörden per Luftfracht aus Asien in den europäischen Wirtschaftsraum eingeführt. Sind die illegalen Medikamente erst einmal in die Verfügungsgewalt des Importeurs gelangt, sind für eine weitere Zustellung in einem anderen EU-Mitgliedsstaat regelmäßig keine Kontrollen mehr zu erwarten.

Bild: ZFA-E

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Wer verdient daran?

Der patentgeschützte Viagra-Wirkstoff  „Sildenafil“ beispielsweise gehört inzwischen zu den weltweit am meisten gefälschten Arzneimittel-Wirkstoffen der Organisierten Kriminalität, denn die effektiven Kosten für die Herstellung der Plagiate sind im Vergleich zu dem zu erzielenden Marktpreis sehr gering - die Gewinne höher, als beim Drogenhandel.

Während sich bei Drogen zwischen dem Einkaufspreis im Ursprungsland und dem Straßenverkaufspreis in Europa eine Gewinnspanne zwischen 660 Prozent und 27.400 Prozent realisieren lässt, beträgt die Gewinnmarge bezogen auf den pharmazeutischen Wirkstoff Sildenafil unfassbare 166.700 Prozent, so Dr. Martin Emmerich von der Gewerkschaft der Polizei.

Derartige Gewinne wollen die Pharma-Unternehmen gerne selber erzielen - wenn man sie lässt, denn der Markt ist heiß umkämpft.

Beispielsweise kostete im Jahr 2004 der Rohstoff für Viagra - Sildenafilcitrat - 650 Euro pro Kilogramm. Daraus lassen sich 20.000 Tabletten mit einem Verkaufswert von 240.000 Euro herstellen. Dies erklärt den im Vergleich zum Original-Präparat niedrigen Schwarzmarktpreis für Generika z. B. aus Indien, wo es noch kein den Anforderungen der WTO entsprechendes Patentrecht für Pharmazeutika gibt.

Was ist die Folge?

Der Bezug von illegalen Medikamenten, insbesondere Potenzpillen, sind keine Lösung, da der Erwerb verschreibungspflichtiger Medikamente nun einmal gesetzlich geregelt ist. Die Wahrscheinlichkeit von Zollbehörden beim Kauf solcher erwischt und belangt zu werden, ist dank moderner Kontrollmöglichkeiten erheblich gestiegen.

Es gibt inzwischen die Original-Produkte oder seriöse - zugelassene - Generika außerhalb Deutschlands zu weitaus geringeren Kosten. Dennoch dürfen die Mengen bei der Einreise nach Deutschland den persönlichen Bedarf nicht überschreiten.

Das reine Gewissen kann man derzeit also nur haben, wenn man vom Arzt ein Rezept erhält und ein zugelassenes Präparat in der Apotheke kauft.

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