Genialer Trick der Schmuggler – Wenn Spediteure zu Opfern werden

JBM - Schmuggeln ist eine der ältesten Methoden der Weltgeschichte. Und was weiß jeder? Na, klar: Wer beim Schmuggeln erwischt wird, ist dran! Wer aber bitte schön möchte heutzutage noch beim Schmuggeln erwischt werden?

Im Überseehafen von Bremerhaven entdeckten Zöllner Anfang November, bei der Kontrolle eines Frachtcontainers aus Long Beach (Los Angeles, USA), eine schwarze Sporttasche mit 52 Kilo Kokain - Straßenverkaufswert rund 3,4 Millionen Euro.

Die große Tasche lag einfach zwischen einer Lieferung von Oldtimern - ohne sonderlich versteckt worden zu sein. Ziel war eigentlich die Hafenstadt Klaipėda in Litauen.

Bereits Mitte September standen Mitarbeiter eines Logistikunternehmens aus Wörth am Rhein, beim Entladen eines Seefrachtcontainers aus Santos (Brasilien), fassungslos vor neun Sporttaschen - insgesamt 300 Kilo Kokain. Der Marktwert: 19,5 Millionen Euro.

Kokain-Platten / Bild: ZFA-HH

Kokain-Platten / Bild: ZFA-HH

´Herrenlose´ Sporttaschen in Seefrachtcontainern, und dann auch noch mit Kokainplatten - niemand holt sie ab.

Was ist da schief gelaufen? Wer oder was verbirgt sich dahinter?


Genial und einfach - „Ownerless Smuggling“.

Der neue Trend beim Schmuggeln - ob Drogen, Waffen oder Geld - nennt sich auch „Ownerless Smuggling“. Auf Deutsch übersetzt: „Herrenloses Schmuggeln“.

Sollte ein Schmuggel aufliegen, gibt es nämlich keinen Absender - und keinen Empfänger.

Ein Drogenschmuggler, der seine Drogen ins Ausland vertickern will, verstaut seine Sendung einfach neben einer ganz normalen Fracht in den Container eines Spediteurs, dessen Container genau dorthin geliefert werden soll, wo auch die Drogen ihren Bestimmungsort haben - oder in die Nähe.

Besondere Verstecke sind dabei gar nicht von Nöten. Einfach neben die Ladung, nicht ganz so auffällig, aber auch nicht sonderlich bemüht um ein Versteck.

Kenntnis hat der Frachtspediteur hiervon keine - eigentlich, aber dazu später mehr. Bevor also am Startort der Container verplombt wird, schleust der Schmuggler die Drogen noch schnell mit in den Container - der gelangt dann mittels Lkw zum Hafen.

Im Frachtraum verstaut, macht sich das Schiff auf den Weg und erreicht seinen Hafen, und dort wird der Container dann - seemännisch gesprochen - „gelöscht“.

Anschließend wird der Container entweder erneut auf ein anderes Schiff verladen, um eine weitere Seereise anzutreten, oder gelangt per Lkw auf dem Landwege an seinen Bestimmungsort - mit den Drogen.


Transport und Zielort unter Kontrolle.

Nicht selten unterliegt bei solchen Aktionen der Transport einer unauffälligen - weit hinter dem Lkw fahrenden - Begleitung. Natürlich von Mitgliedern der Drogenmafia. Schließlich will man nichts dem Zufall überlassen.

Auf keinen Fall wollen sie in eine Falle tappen. Falls sie nämlich nur den geringsten Verdacht hegen, die Lieferung vom Hafen wird durch Zoll oder Polizei überwacht, verdrücken sie sich. Die Drogen gelten dann zwar als verloren, aber es gibt immerhin auch keine Festnahmen.

Bild: Hamburg Hafen, Hasenpusch

Bild: Hamburg Hafen, Hasenpusch

Auch am Zielort warten andere Mafiosi bereits ungeduldig. Während des Transports und auch am Zielort behalten Gauner die Situation dauerhaft im Blick - sie sind untereinander genauestens vernetzt. Jede Auffälligkeit wird sofort registriert.

Noch bevor der Lkw seinen Bestimmungsort erreicht hat, haben die Gangster die Umgebung lange im Voraus inspiziert.
Nur, wenn die Luft auch rein ist, widmen sie sich den Drogen - andernfalls verschwinden die Täter aus Angst vor einer Entdeckung.

Erst einmal auf dem Hof des Zielempfängers angekommen, ist es für die Gangster ein leichtes Spiel, an die Drogen im Container ranzukommen.

Dennoch müssen sie den genauen Moment abpassen, an dem sie die Drogen aus dem Container entnehmen können.

Entweder kommen sie bei Nacht und brechen die Ladetüren auf oder mischen sich tagsüber getarnt unter die Mitarbeiter, die den Container entladen.


Angst vor ´Kontrollierter Zustellung´.

Warum dieser Aufwand? Ganz einfach: Eine der größten Gefahren ist eine sogenannte „Kontrollierte Zustellung“.

„Nicht immer, aber immer öfters“ gehen Zöllner nämlich anonymen Hinweisen oder auch einfach nur Verdachtsmomenten nach. Container werden in solchen Fällen im Hafengebiet gezielt geöffnet und kontrolliert.

Und, bei einem Drogenfund wenden Zöllner dann manchmal einen Trick an, um den Gaunern am Zielort habhaft zu werden: Sie tauschen die Drogen einfach gegen eine optisch und sensorisch nicht zu unterscheidende chemische Substanz aus, verschließen und verplomben den Container wieder.

Von diesem Moment an wird der Container mit den vermeintlichen Drogen von Fahndern rund um die Uhr nicht mehr aus den Augen gelassen. Ahnungslos wird auch der Spediteur gehalten - erhält seine Frachtpapiere so ausgehändigt, als wenn nichts gewesen wäre. Gute Fahrt!

Und so werden dann auch die Fahnder zu unauffälligen Verfolgern des Lkw-Transportes - genauso, wie die Gangster auch.


Der ahnungslose Spediteur?

Auf derartigem Wege gelangen beispielsweise nicht nur Drogen, Waffen und Wasserpfeifentabak nach Europa, sondern auch Geld zurück in die Länder, aus denen die illegalen Transporte kommen. Schließlich müssen sie ja auch bezahlt werden.

Egal in welche Richtung: Sollten derartige Fälle entdeckt werden, gibt es keinen Täter - auch der Spediteur ist ahnungslos.

Muss nicht, aber kann. Letztendlich ist es diesem nämlich schwer nachzuweisen, Kenntnis von derartigen Transporten zu haben. Und derartige Fälle häufen sich.

Insbesondere im internationalen Seeverkehr, wo Frachtcontainer mehrmals „umgeschlagen“ werden, sind Einschleusungen an der Tagesordnung.

Erschwerend kommt hinzu: Die Beweislast bleibt bei den ermittelnden Behörden. Verneint der - oder auch mehrere Spediteure in der Lieferkette - eine Teilnahme an einer solchen Tat, haben die Behörden oft ein Nachsehen.

„Ein großer Schlüssel, um zu wissen, wie illegaler Handel funktioniert, liegt darin, die Transportunternehmer in die Verantwortung zu rufen", äußerte sich Professor Sinn, Direktor des Zentrums für ´Europäische und Internationale Strafrechtsstudien´ (ZEIS), in einem Interview mit JBM|News.

Bild: Hamburg Hafen, Aufwind

Bild: Hamburg Hafen, Aufwind

Folgt man seinen Worten, müssten Transportunternehmer bei Übernahme einer Fracht stets persönlich darum extremst bemüht sein, den Inhalt ihrer Frachten zu kontrollieren und so zu sichern, dass niemand die Möglichkeit hat, nachträglichen Schmuggel einzuleiten.


Bußgeld für jeden Flüchtling.

Speditionsbetriebe auf dem Weg nach Großbritannien können hiervon ein Lied singen: „Wir mussten 4.000 englische Pfund an Bußgeld zahlen, weil zwei Flüchtlinge, auf unserer Fahrt von Calais (Frankreich) durch den Eurotunnel nach England, entdeckt wurden“, so ein äußerst verärgerter Spediteur aus Lehrte gegenüber JBM.News, der nicht genannt werden möchte.

„Nicht nur, dass die uns die Planen mutwillig zerschnitten haben, was mehrere Tausend Euro gekostet hat, sondern auch noch die dreiste und absurde Unterstellung der englischen Behörden, wir seien Schmuggler von Flüchtlingen.“

Für den Spediteur ein nachhaltiges Minus: Bußgeld, zerstörte Planen und Waren sowie Ärger mit Behörden - im ohnehin sehr angespannten Transportgewerbe.

Denn, wer mit blinden Passagieren an Bord in England erwischt wird, zahlt bis zu 2.000 Pfund (rund 2.850 Euro) Bußgeld pro Flüchtling - der Besitzer des Fahrzeugs muss zusätzlich mit einer Strafe rechnen.

Absurd der Gedanke, dass ahnungslosen Spediteuren - selbst Opfer von Sachbeschädigung - per Dekret unterstellt wird, sie seien an der ´Schwarzfahrt´ von Flüchtlingen beteiligt.

Dagegen sind aber auch Fälle bekannt geworden, bei denen Fahrer - in Unkenntnis des Spediteurs - mehrere Tausend Euro an Schwarzgeld auf die Hand kassiert haben sollen.


Hat man mir untergejubelt.

Eine Zwickmühle: Jeder in der Lieferkette, obwohl aktiv am Schmuggel beteiligt, kann sich rausreden: „Das hat man mir untergejubelt.“ Für Ermittlungsbehörden natürlich ein Super-GAU.

Schwierig wird es auch immer zu ermitteln sein, wer überhaupt auf dem Lieferweg von einem Ort zum anderen an einer solchen Aktion beteiligt ist: Der Unternehmer der Spedition selber, Lagerarbeiter, Ladepersonal oder der Lkw-Fahrer - wer ist der Täter?

Durch diese recht einfache und dennoch geniale Art des Schmuggelns - bei der es keinen Absender und keinen Empfänger gibt - hat der internationale Schmuggel eine besondere Qualität erreicht.


Fazit: ein Kampf gegen Windmühlen.

Allein im Hamburger Hafen wurden in 2014 rund 100 Millionen Seecontainer umgeschlagen - und belegt damit gerade einmal nur Platz 15 der ´Top Welt Containerhäfen“.

Diese Container alle auf möglichen Verdacht hin zu überprüfen, ist schier unmöglich. Schmuggler wissen das natürlich und nutzen das aus.

Kolumbianische Kartelle schaffen es pro Jahr weltweit rund 1.000 Tonnen Kokain – wovon knapp die Hälfte nach Europa gelangt – an Drogendealer zu liefern. Nur der geringste Teil davon wird überhaupt vom Zoll aufgespürt.

Davon gelangen jährlich, nach Schätzungen des Zollfahndungsamtes Hamburg, bis zu 50 Tonnen über den Hamburger Hafen. Von dort wiederum verteilen Drogenkuriere den Stoff in ganz Deutschland.


Hat Ihnen unser Beitrag gefallen, und Sie sind Mitglied bei Facebook? Dann freuen wir uns auf einen ´LIKE´ - danke.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Kokain-Fund auf Seefrachter in Wörth am Rhein


500 Gramm Kokain aus Kolumbien – Tatverdächtige in Dresden festgenommen


50 Tonnen Kokain landen jährlich im Hamburger Hafen – “Schwarze Gang” findet 31 Kilo


Rätselhaftes Bargeld in Luxus-Limousine – Fahrer übt sich in Unkenntnis


Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag darf zu privaten Zwecken ausdrücklich über Twitter retweetet und über Facebook geteilt werden! Das gilt im Übrigen für alle Artikel bei uns.


Zeitungsverlage und Online-Medien können diesen Beitrag für ihre redaktionelle Arbeit kostenpflichtig erwerben. Weitere Informationen.

Weitere Informationen unter +49 511 - 708974 oder  redaktion@jbm.news

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben