Trennung – Wenn die Ehe zur Steueroase verkommt

JBM - Die Ehe als Steueroase. Ehepartner, die dauerhaft getrennt leben, begehen Steuerhinterziehung, wenn sie sich fortan steuerlich gemeinsam veranlagen.

Steueroase Ehe! Dauerhaft getrennt lebende Ehepartner beanspruchen unrechtmäßig den sogenannten „Splittingtarif“, der zusammen veranlagten Eheleuten nicht unerheblich Einkommensteuern spart.

Ein solcher Missbrauch stellt Steuerhinterziehung dar, denn diese Steuervergünstigungen stehen nur Eheleuten zu, die dauerhaft eine gemeinsame Ehe führen.

 

Hoher Missbrauch im Dunkelfeld.

Experten gehen von Missbrauch in mehreren Hunderttausend Fällen aus.

Das Problem ist der Politik zwar nicht unbekannt, mangels Kontrollmöglichkeiten aber nicht wirklich greifbar.

Das Nachsehen haben Millionen nicht verheirateter Steuerzahler, die dennoch in einer eheähnlichen Verbindung leben. Also diejenigen, die tatsächlich zusammen leben, aber nicht verheiratet sind, werden steuerlich benachteiligt.

Andererseits genießen dauerhaft getrennt lebende Ehepartner weiterhin die Steuervorteile. Die Ehe verkommt so zum Steuersparmodell.

Beschließen Ehepartner eine Trennung, sind sie theoretisch ab dem kommenden Jahr steuerlich getrennt zu veranlagen. Das bedeutet, dass für sie das „Ehegattensplitting“ nicht mehr gilt - soweit theoretisch.

Praktisch ist die genaue Anzahl der in Deutschland dauerhaft getrennt lebenden Eheleute ungewiss, die weiterhin eine gemeinsame Steuererklärung einreichen.

Steueroase

Wo die Liebe hinfällt.

Britta W. (Name v. d. Red. geändert) aus Hannover ist seit 24 Jahren mit ihrem Ehemann verheiratet - allerdings nur noch auf dem Papier. Denn vor rund 18 Jahren entwickelten sich ihre Gefühle für eine - ebenfalls - verheiratete Frau.

Die beiden frisch Verliebten verließen damals ihre Männer und gründeten einen gemeinsamen Haushalt. Eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehepartner war zu diesem Zeitpunkt noch unvorstellbar.

Das Einzige, was die Ehefrauen mit ihren Männern noch gemeinsam hatten, waren die Steuererklärungen. Dort erklärten sie weiterhin ihre gemeinsamen Einkünfte, als wenn nichts gewesen wäre.

Nicht anders verhält es sich bei Klaus H. (Name v. d. Red. geändert) aus Helmstedt. Seit neun Jahren lebt er mit seiner neuen Geliebten in einem gemeinsamen Haushalt - ließ seine Ehefrau und Kind zurück.

Die Frage nach einer Änderung der Besteuerung kam ihm nie in den Sinn, da er aufgrund seines hohen Managergehalts sonst massiv mehr an Steuern zahlen müsste. „Da habe ich lieber mein Kind und Ex-Ehefrau monatlich finanziell unterstützt“, gibt er als Begründung an.

 

 „Im Schlafzimmer hat kein Finanzamt was zu suchen.“

Faktisch ist es für die Finanzbehörde nahezu unmöglich zu prüfen, ob Ehepartner tatsächlich dauerhaft getrennt leben, oder nicht. Selbst das Ausspionieren ist dem Finanzamt nicht erlaubt.

Getrennte Betten schon gar nicht und auch unterschiedliche Wohnorte reichen nicht aus, um einem Ehepaar zu unterstellen, sie würden den Status von getrennt lebenden innehaben.

„Im Schlafzimmer hat kein Finanzamt was zu suchen“, raunzt ein Steuerfahnder aus Hannover auf Anfrage von JBM.News, der ebenfalls von seiner Ex-Frau getrennt lebt, wie er zugibt.

Und das Grundgesetz tut sein Übriges: Es schützt den Bürger vor Eingriffen des Staates in die Ehe und auch Sexualität. Das garantierte Recht der Ehepartner, selbst und ohne staatliche Einflussnahme bestimmen zu können, wie sie zusammenleben und wie sie Berufstätigkeit, Kindererziehung und familiäre Aufgaben untereinander aufteilen, ist unantastbar.

Im Zweifel könnte ein Ehepaar für jedes Jahr der steuerlichen Veranlagung sich auf einen „Versöhnungsversuch“ berufen und ließe somit stets die Möglichkeit offen, die steuerlich gemeinsame Veranlagung in Anspruch zu nehmen.

Wenn jedoch ein Ehepartner den anderen beim Finanzamt „anschmiert“, kann es brenzlig werden: „Meist ist es die Rachsucht enttäuschter Ehepartner, das Finanzamt mit ins Boot zu holen“, so der Fahnder weiter.

Steueroase

Die Politik schaut weg.

Treu dem Motto: „Was es nicht geben darf, kann es auch nicht geben“, schaut die Gesellschaft bei diesem Thema lieber weg.

Ebenso die bekannte Uneinigkeit in der Politik: Während die Grünen vehement für eine Abschaffung des Splittingtarifes wettern, kontert die SPD nur mit einer kleinen Reform.

Die CDU hingegen hält an ihren bisherigen Grundsätzen fest und wünscht sich sogar ein „Familiensplitting". Das Splitting soll nach Vorstellungen der CDU auch für Lebenspartner und unverheiratete Paare gelten.

Die Unmöglichkeit der Politik macht es also seit Jahrzehnten möglich, Gestaltungsmissbrauch zu betreiben - zulasten der Allgemeinheit.

Darüber hinaus entgehen dem Fiskus Millionen an Steuereinnahmen pro Jahr.

Wirksame Lösungsansätze? Fehlanzeige. Es lebe die Steueroase.

 

Wie sozial ist der Missbrauch?

Ungeachtet dessen, dass die missbräuchliche Gestaltung Steuerhinterziehung begründet, stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der sozialen Komponente.

Denn wie sozial ist es gegenüber den Millionen allein lebender Mitmenschen, von denen jeden Monat nach dem „Grundtarif“ die Steuer einbehalten wird?

Bei einem zu versteuerndem Einkommen von 50.000 Euro im Jahr, macht die Differenz immerhin rund 5.000 Euro aus. Während 25.000 Euro unter Verheirateten nur mit 1.370 Euro versteuert werden, langt das Finanzamt bei den Ledigen mit 4.175 Euro kräftig zu - immerhin noch 2.805 Euro Differenz.

 


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